Das klingt nach einer Feinheit, entscheidet aber darüber, was Eltern tun. Wer mentale Stärke für eine Eigenschaft hält, wartet ab: Das eine Kind ist halt robust, das andere halt empfindsam. Wer sie als Verhalten versteht, kann sie mit dem Kind üben, ähnlich wie Velofahren oder Schwimmen. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der Unterschied zwischen Zuschauen und Anfangen.
Mentale Stärke zeigt sich erst nach dem Schreckmoment
Ein Kind, das vor einer Prüfung zittrige Hände bekommt, ist nicht schwach. Der Körper schlägt Alarm, weil ihm die Sache wichtig ist: Der Puls steigt, der Atem wird flach, die Aufmerksamkeit wird eng.
Der Unterschied liegt in den Sekunden danach. Bleibt ein Kind im Alarm hängen, wird der Kopf leer und das Gelernte ist für den Moment nicht abrufbar, was Eltern als Blackout bei Kindern kennen. Bemerkt es die Anspannung dagegen und atmet zweimal langsam aus, kommt der Zugriff auf das Wissen zurück.
Deshalb führt die Frage «Ist mein Kind mental stark?» in die Irre. Die brauchbare Frage lautet: Kommt mein Kind nach einem Schreckmoment von allein wieder herunter, oder braucht es dafür jemanden?
Mentale Stärke besteht aus zwei Teilen, die Ihr Kind getrennt übt
Weil es um die Sekunden nach dem Alarm geht, zerfällt das Üben in zwei Teile mit ganz unterschiedlichem Tempo.
Der erste Teil ist der Körper. Ruhig werden ist eine Fertigkeit und kein Zustand: den Atem verlangsamen, die Schultern lösen, ein vertrautes inneres Bild abrufen. Das lernt ein Kind in Wochen, aber nur, wenn es im ruhigen Moment geübt wird und nicht am Prüfungsmorgen.
Der zweite Teil ist die Erwartung, eine schwierige Sache zu schaffen. Die Schweizer Stiftung Pro Juventute nennt dafür vier Faktoren der Selbstwirksamkeit: eigene Erfahrung, Beobachtung, Zuspruch und Wohlbefinden. Am prägendsten ist die eigene Erfahrung. Das heisst für den Familienalltag: Ihr Zuspruch zählt, er ist aber nur einer von vier Faktoren und nicht der stärkste. Ein Kind glaubt an sich, wenn es sich selbst hat gelingen sehen.
| Was Eltern darunter meinen | Was ein Kind tatsächlich übt |
|---|---|
| Keine Angst haben | Die eigene Anspannung bemerken und benennen |
| Zusammenbeissen und durchhalten | Den Körper in einer Minute herunterfahren |
| Von Natur aus selbstsicher sein | Nach einem Fehler weitermachen statt aufzugeben |
Die linke Spalte beschreibt einen Charakter, die rechte lauter Handgriffe. Nur die rechte Spalte lässt sich mit einem Kind einüben.
Manche Kinder sind von Natur aus gelassener, das stimmt
Der ehrlichste Einwand dagegen: Temperament gibt es wirklich. Es gibt Kinder, die auf einer Bühne aufblühen, und Kinder, denen schon der Gedanke daran den Magen umdreht. Das zeigt sich früh und lässt sich nicht wegtrainieren.
Nur setzt das Temperament den Startpunkt, nicht die Obergrenze. Ein zurückhaltendes Kind wird durch Üben kein Draufgänger, und das ist auch nicht das Ziel. Es lernt, an sein Wissen zu kommen, obwohl es nervös ist. Der richtige Vergleich ist darum nicht das Nachbarskind, sondern das eigene Kind vor drei Monaten: Braucht es nach einem Missgeschick noch eine halbe Stunde, oder ist es nach fünf Minuten wieder dabei?
Bei anhaltender Belastung gilt das nicht mehr
Wenn ein Kind über Wochen nicht mehr zur Schule mag, sich zurückzieht oder morgens mit Bauchweh aufwacht, ist das keine Frage des Übens, sondern ein Fall für eine fachliche Abklärung. In der Region ist der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen für Eltern, Kinder und Lehrpersonen offen zugänglich, anmelden können Eltern ihr Kind selbst. Mentaltraining für Kinder arbeitet im normalen Schulalltag und ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung.
Für morgen heisst das vor allem eines: Nehmen Sie Ihrem Kind die Nervosität nicht weg, sondern geben Sie ihm etwas in die Hand, das es im Moment selbst tun kann. Drei Dinge lassen sich diese Woche ausprobieren, ohne dass daraus ein Programm wird.
Was Sie diese Woche üben können
- Den nächsten Schritt so klein machen, dass er sicher gelingt
- Das Ruhigwerden an einem Abend ohne Prüfung üben, nicht am Prüfungsmorgen
- Nach dem Versuch das Bemühen benennen, nicht das Resultat
Der dritte Punkt ist der unscheinbarste und der wirksamste: Wer das Bemühen anerkennt, füttert genau die Erfahrung, aus der die Erwartung «ich schaffe das» wächst. Wie das unter akutem Druck aussieht, steht in Kind bei Prüfungsstress helfen, ohne Druck zu machen.
Wenn Ihr Kind im Schulalltag mehr Sicherheit gebrauchen kann: In St. Gallen üben Kinder der 1. bis 6. Klasse das in kleinen Gruppen von höchstens vier Kindern.
Mentale Stärke für Kinder in St. Gallen